Das Netzwerk Community Building erneuert sich – Ein Arbeitswochenende im CB-Style

Nach langer Zeit der Inaktivität haben sich einige der bisherigen Mitglieder des Netzwerks Community Building(NCB) und einige neue Menschen zusammengefunden. Das gemeinsame persönliche Anliegen, Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck – Forschung, Verbreitung des theoretischen Wissens und dem Bieten von Möglichkeiten zum Sammeln praktischer Erfahrung nach der Methode, wird auch wieder als Gruppe vorangetrieben. Hier lest Ihr meine Beschreibung über den Ablauf und meine Erfahrung unseres Arbeitswochenendes im CB-Style.

Was ist Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck?

„Die Matrix ist … eine Scheinwelt, die man dir vorgaukelt, um Dich von der Wahrheit abzulenken. Welche Wahrheit? Dass Du ein Sklave bist … Du wurdest wie alle in die Sklaverei geboren, und lebst in einem Gefängnis, das du weder anfassen noch riechen kannst. Ein Gefängnis für Deinen Verstand. Dummerweise ist es schwer jemandem zu erklären, was die Matrix ist. Jeder muss sie selbst erleben. Dies ist Deine letzte Chance – danach gibt es kein Zurück. Schluckst du die blaue Kapsel, ist alles aus. Du wachst in Deinem Bett auf und glaubst an das, was du glauben willst. Schluckst du die rote Kapsel, bleibst Du im Wunderland und ich führe Dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus. Bedenke: Alles, was ich dir anbiete, ist die Wahrheit, nicht mehr.“      

aus dem Film: „Matrix“, 1999, Zeitindex 27:47, Regie: Die Wachowskis, Produktion: Joel Silver

Genauso wie in Matrix die Scheinwelt nur ein Teil des Ganzen ist, birgt auch das normale Leben noch mehr, was dahinter verborgen ist. Mit der Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck beginnt jeder, der sich darauf einlässt, die Reise ins Unbekannte. Eine Reise, auf der mehr der eigenen und gemeinsamen Wahrheit erkundet wird. Eine sehr tiefe, intensive und manchmal sehr schmerzhafte Wahrheit – die das Verständnis der Welt grundlegend auf den Kopf stellen kann. Das Gleiche, was auch im Film dem Protagonisten Neo widerfährt. Eine Tür in eine aufregende Welt, von der man nicht wusste, dass sie existiert.

Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck, auch Community Building (CB) genannt, ist eine Methode zur Persönlichkeitsentwicklung mittels experimenteller Selbsterfahrung. In einem sehr freien Gruppenrahmen wird die Beziehungsebene offen gelegt und gruppendynamische Prozesse entspannen sich. Auf diese Weise sollen in Gruppen vorhandene, individuelle Verletzungen und Konflikte aufgelöst werden. Gruppen lernen auf hocheffektive Weise zusammenzuarbeiten. CB enthält Elemente der Achtsamkeit und Meditiation und es werden oftmals emotionale Verarbeitungsprozesse angestoßen. Das Besondere an der Methode ist, dass sie ohne Leitung auskommt. Die Teilnehmer:innen bekommen nur Empfehlungen an die Hand. Die praktische Anwendung erkunden alle selbst.

Initialtreffen für das neue Netzwerk Community Building

Eine kleine Gruppe von neun Personen aus Deutschland traf sich vom 27. bis 29.11.2022 im Brandenburger Örtchen Brück für ein Wochenende. Es waren sowohl erfahrene Teilnehmer:innen als auch aktive Prozessbegleiter:innen anwesend. Ziel war, sich intensiv kennenzulernen und damit zu beginnen, einen Grundstein für eine Zusammenarbeit zu setzen.

Eine Selbstverständlichkeit, die gerade diese Methode auch erfahrbar macht, ist, dass jede Gruppe von Menschen Konflikte entwickelt, die sich erst dann entfalten, wenn man sich einander annähert und miteinander in Kontakt ist. So versteht es sich also von selbst, dass jeglicher Sacharbeit die Aufgabe der Bildung einer Gemeinschaft vorgelagert ist. Emotionale Beeinträchtigungen auf der Beziehungsebene dürfen erscheinen, entfalten sich voll und verschwinden schließlich auch wieder. Danach kann es viel freier und unbelasteter ans Werk gehen.

Freitag – Ankommen und Kontaktaufnahme

Der Freitagabend beginnt mit einem entspannten Ankommen beim gemeinsamen Essen. Es gibt die Gelegenheit, sich vom Stress der Arbeitswoche zu erholen. Laut Plan soll die Gemeinschaftsbildung den ganzen Samstag einnehmen. Nach dem Essen wird aber der Wunsch, bereits sofort zu beginnen, mehrfach geäußert. Die Gruppe ist sich uneinig, weil die Bedürfnisse der Anwesenden sehr unterschiedlich sind. Auch wenn es kein klares Ja für den Prozess, bereits am Abend, gibt, finden sich schließlich doch alle im Wohnzimmer der Pension ein. Es findet dann zwar keine Gemeinschaftsbildung statt, doch aber ein sanftes Sich Annähern. Das ist eine häufig zu beobachtende Art und Weise bei CB. Es wird nicht abgestimmt und es wird dem, was entstehen will, erlaubt sich so zu entwickeln, wie es dies von selbst tut.

Klare Basis der Begegnung im Sinne der Gemeinschaftsbildung ist auch der Verzicht auf Alkohol oder jedwede bewusstseinsverändernde Substanzen. Der Prozess soll bei klarem Verstand stattfinden.

Es wird bereits Belastendes aus den aktuellen Lebenssituationen der Anwesenden geteilt und auch erstes Schwieriges im Miteinander in der Gruppe wird ausgesprochen. Gesprächsdynamiken wechseln zwischen langsam und schnell. Als der Abend später wird, ziehen sich nach und nach Einzelne für die Nacht zurück, bis sich dann auch die verbleibende Vierergruppe als letztes voneinander verabschiedet.

Samstag – Gemeinschaftsbildung bis tief in die Nacht

Die reguläre Prozesszeit

Der Samstag ist vollumfänglich der Gemeinschaftsbildung vorbehalten. In 90-Minuten-Blöcken sitzen wir im Stuhlkreis zusammen. Die Prozessarbeit zwischen den anwesenden Personen ist an diesem Tag sehr effektiv – vermutlich auch, weil alle aus der Gruppe bereits sehr viel CB-Erfahrung gesammelt haben. Aber: Ein von Scott Peck beschriebenes – meist unbewusstes – Verhalten bei CB-Prozessen ist die Tendenz schwierigen Emotionen auszuweichen. Meiner Einschätzung nach ist diese Tendenz bei Menschen mit viel einschlägiger Kompetenz – also Menschen mit viel Erfahrung in CB und/oder mit umfassenden psychologischen oder soziologischen Kenntnissen und Fähigkeiten – demzufolge auch die Kompetenz zum Ausweichen deutlich erhöht. Das heißt, man kommt sowohl sich selbst, als auch der Gruppe viel schwerer auf die Schliche.

Trotzdem ist der Prozess intensiv und die Zeit vergeht wie im Flug. Ein paar Menschen der Gruppe haben sich vor dem Wochenende bereits gekannt und in der letzten, bereits etwas zurückliegenden Begegnung nach viel Ärger und Schmerz voneinander abgewendet. Die verstrichene Zeit hat die negativen Emotionen abklingen lassen und durch die persönliche Weiterentwicklung war eine authentische Begegnung hier nun möglich. Vergangene Verletzungen wurden noch einmal ausgesprochen und konnten sich dadurch weiter auflösen.

Im Laufe des Tages vertieft sich der Prozess deutlich, bis schließlich am Abend eine Erfahrung eines emotionalen Sterbeprozesses bei einer Person durch ein – für sie – sehr schmerzhaftes Ereignis eintritt. Bei solchen Sterbeprozessen ist man mit besonders intensiven, negativen Emotionen konfrontiert. Wenn die Gruppe diese intensiven Emotionen mit schweigender, mitfühlender und wohlwollender Präsenz mitträgt, dann können diese negativen Emotionen so transformiert werden. Dies ist für die Person, die das erlebt, eine absolute Zerreißprobe und eine enorme Herausforderung, solange die schmerzhaften Gefühle anhalten. Nach der Transformation werden diese Emotionen ins absolute Gegenteil verkehrt. Ein – der Intensität der negativen Gefühle entsprechendes, diametral entgegengesetztes – Hochgefühl setzt ein; ein Erlebnis von Kraft von mitunter absolut überwältigendem Ausmaß. Die Gruppe kann an diesem Tag auch diese Herausforderung erfolgreich meistern und die Transformation konnte so stattfinden.

Der Abend setzt sich fort und viele der Anwesenden sind an schwierige eigene Themen gekommen, die sie der Gruppe mitgeteilt haben. Tränen sind geflossen und die Gruppe hat sich einander deutlich angenähert. Um 23 Uhr endet die Gemeinschaftsbildung für diesen Tag, aber ohne dass die Gruppe die Phase einer echten Gemeinschaft erreicht hat. Die Gruppe hat schwer gearbeitet aber es hat wohl noch nicht gereicht. Möglicherweise stehen noch zu viele offene Themen zwischen den Menschen im Raum, an denen in weiteren CB-Runden zu arbeiten ist, bevor die kritische Masse erreicht wird und die Gruppe sich insgesamt transformiert. Ein Zustand, der vor allem temporär eine energetisch deutlich skalierte Version des – im vorigen Abschnitt skizzierten – individuellen Sterbeprozesses ist und für Dauerhaftigkeit regelmäßige Arbeit im Sinne der CB erfordert.

Es geht in die Verlängerung

Zum Schluss ergab sich noch ein weiteres Thema, was auch wieder typisch für die Gemeinschaftsbildung ist: Das Ansprechen eines heißen Eisens. Ist durch die Prozessarbeit erst einmal ein gewisses Vertrauen erarbeitet, ist für die Mitglieder die Unterstützung der Gruppe fühlbar, dann wächst die Bereitschaft sich den wirklich schwierigen Sachthemen anzunähern, weil die Chancen sehr hoch sind, dass sich auch schwierigste Themen ohne emotional verlustreiche und ineffektive Grabenkämpfe ansprechen lassen. Genau das ist an diesem Zeitpunkt passiert. Ein Teil der Gruppe hat sich entschieden, für diesen Anschlussprozess zur Verfügung zu stehen.

In weiteren zirka ein bis zwei Stunden wurden Schwierigkeiten eines Gruppenmitgliedes im Zusammenhang mit der zukünftigen Arbeit des NCB ausgesprochen und Wahrnehmungen der anderen Personen dazu ausgetauscht. Es kam zu einem gewissen allgemeinen Verständnis der Situation, auch wenn die Ansichten dazu unterschiedlich blieben. Bereits das Ansprechen allein hat positive Auswirkungen erzielt und die Gruppe als Ganzes weiter entlastet. Ebenso war es ein wichtiger Teilschritt, sich der Auflösung des Problems anzunähern und dabei allseitig – auch unter Einbeziehung Abwesender – möglichst wertschätzende Lösungen zu finden.

Nach dem Prozess ging es im Privaten noch teilweise weiter, für ein bis zwei Stunden, um private Dinge auszusprechen, für die die Gruppe noch nicht ganz so der sichere Ort war, wie er benötigt wurde. Dort, wo die privat seit langem gepflegte Beziehung doch noch mehr Vertrautheit und Sicherheit bot, um Dinge zu verarbeiten, für die die Gruppe einfach noch nicht weit genug entwickelt ist. So war die Nacht kurz, aber das machte nichts, weil die Kraft durch die Verbindung einen ordentlichen Energieschub gegeben hat.

Sonntag – Sacharbeit

Als Überraschung am Sonntag haben wir einen wunderschön und liebevoll gedeckten fertigen Frühstückstisch präsentiert bekommen, samt einer schönen Geschichte (Die Insel der Liebe) dazu. Die individuelle emotionale Transformation war so kraftvoll, dass dabei große Vitalität und Lebensfreude bei der betreffenden Person freigesetzt worden ist. Alles geht leicht – als wäre es Nichts. Ein temporärer Schub, der die Lebenskraft und die Kompetenz und Leistungsfähigkeit auf ein deutlich höheres Niveau hebt.

Anschließend haben wir begonnen, Themen zu sammeln, die jeder mitgebracht hat. Die Themenarbeit war zu Beginn eher chaotisch. Erst nach der Umstellung auf ein Kreisgespräch – jeder kommt nach der Reihe dran, wurde es harmonischer. Alle wurden gehört und jeder hatte etwas beizutragen.

Die Zeit war sehr schnell vorbei. Noch nicht so harmonisch, wie es vielleicht noch werden könnte, aber doch auf einem guten Weg. Wir haben so einiges organisiert. Das Finden von Freiwilligen für verschiedene Aufgaben und auch die Terminfindung war eher leichtfüßig und unbeschwert.

Ein Gruppenfoto wurde von Einigen gewünscht. Aber es sind natürlich nicht alle Menschen mit dabei gewesen. Denn wer gelernt hat, auf seine innere Stimme zu hören, der gibt das nicht so schnell wieder auf. Es ist schade, weil gerade nach einer Gemeinschaftsbildungserfahrung Menschen diese innere Kraft und Lebensfreude auch deutlich sichtbar ausstrahlen.

Die Tage danach – Weitere Erkenntnisse

Auch nach dem Gemeinschaftsbildungswochenende wirkten die gemachten Erfahrungen noch nach. Manchmal ergeben sich erst verzögert weitere Erkenntnisse und auch Prozesse emotionaler Transformation schließen sich mitunter erst Tage nach dem Prozess ab. Bei mir kamen auch eher bedenkliche Erkenntnisse über die Gruppe, die mich mit Sorge erfüllt haben. Wir haben offensichtlich noch die ein oder andere Aufgabe zu bewältigen. Doch auch das ist kein Grund zum Verzweifeln. Die Erfahrung der Gemeinschaftsbildung zeigt, dass es keine simple Vorhersehbarkeit des Prozesses gibt und die Transformation zu echter Gemeinschaft kann sich mitunter nur Augenblicke nach Gefühlen tiefster Verzweiflung abschließen. Auch an die Ungewissheit gewöhnt man sich mit der Zeit. Den richtigen Schritt zu machen, auch wenn es vollkommen dunkel ist. Zu wissen, dass das Richtige zu tun auch irgendwann – auf einem Weg, der viele unbekannte Orte zeigt – zum Ziel führen wird.

Auch ein sehr symbolträchtiger Traum zeigte sich in der Nacht des Sonntags, wieder zu Hause, bei meiner Partnerin. Leider habe ich nicht die Erlaubnis meiner Partnerin, ihn hier zu schreiben, weil er ihr einfach zu privat ist. Doch Träume können oftmals eine wichtige Bedeutung haben – für die Gruppe – für Einzelne aus der Gruppe. Deswegen gibt es die Ermutigung die Träume der Nächte immer auch mit der Gruppe zu teilen.

Erschöpft und energiegeladen zugleich verbringe ich die nächsten Tage und bin gespannt, wie es mit dem Netzwerk Community Building wohl weitergeht.

Tobias Unsleber, 30.11.2022

Categories: NCB

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